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Bandinterview - Fiddler's Green

Sie sind schon eine ganz besondere Band, die Jungs aus Mittelfranken, die als Fiddler's Green nun fast 2000 Konzerte live gespielt haben. Sie erinnern als eingeschworener Haufen etwas an die bekannten Gallier aber statt Wildschwein gibt`s lieber den bandeigenen Whisky, vielleicht auch, weil keiner Obelix ähnelt. Fans haben sie weltweit, und gerade in Zeiten einer Pandemie sind die umso wichtiger. Aber lest selbst, es lohnt sich. Ein großes Dankeschön an Stefan Klug, der sich ganz viel Zeit für uns genommen hat und der nun endlich auch in Wunsiedel sein Akkordeon wieder auspacken kann. Und darauf freuen wir uns alle schon sehr.

Es gibt vermutlich kaum eine Band in Deutschland die so gern und oft live unterwegs ist, wie Fiddler's Green. Gefühlt habt ihr auf fast jeder Bühne in Deutschland schon mal gespielt. Bei so vielen Live Auftritten verschwimmen die Erinnerungen da ja mit der Zeit aber gibt es das eine oder andere absolute Highlight das man nie vergisst. An was erinnert ihr Euch denn besonders gerne zurück und wisst Ihr wie viele Live-Konzerte ihr bisher gespielt habt?
Ja, Live-Konzerte sind unser Ding. Schon bald nach der Bandgründung 1990 stellten wir alles andere hinten an und spielten, was das Zeug hielt. Unser Bassist Rainer führt eine Liste über alle Shows, bald werden wir die 2.000 voll haben! Im Laufe der Jahre verschwimmt zwar schon manche Erinnerung, aber trotzdem erinnere ich mich an erstaunlich viele einzelne Konzerte. Vor allem das „Drumherum“ ist entscheidend, also wen man vor Ort getroffen hat, wo man sich vor der Show noch umgeschaut hat, wo die Party-Nacht besonders heftig zugeschlagen hat oder wo es besonders heiß und stickig war. Ich reise sehr gerne, daher erinnere ich mich natürlich besonders gerne an Shows im Ausland. Unvergesslich waren zum Beispiel die Fahrt im Bus von Novosibirsk nach Tomsk durch die Sibirische Tundra und Taiga, der Nachtzug von St. Petersburg nach Moskau, unsere Studioaufnahmen in Los Angeles, Konzerte in Norwegen, Irland, Italien, der Bretagne, in Istanbul und natürlich vor allem unsere zwei Touren in Japan. Es ist unglaublich, wie viele tolle Leute wir über die Jahre durch die Musik kennengelernt haben. Das erfüllt mich schon mit einer gewissen Dankbarkeit und Zufriedenheit.

Es gibt bei Euch ja tatsächlich einen der alle Konzerte mitgespielt hat, den Rainer. Eigentlich ist das ja unfassbar, irgendwann ist ja jeder Mensch einmal krank. Rainer scheinbar nie. Wie macht er das nur, pflegt ihr ihn besonders, legt ihr ihn in Euren Whiskey ein oder liegt es eher daran, dass er eher der ruhige Bandpol auf der Bühne ist.
Tja, auf Rainer ist eben Verlass, er war schon immer ein Fels in der Brandung und ist es natürlich nach wie vor. Krank war er zwar schon ganz selten mal, aber nie so sehr, dass eine Show deshalb ausfallen musste. Ich erinnere mich noch, dass er selbst mit Gipsbein vor ca. 20 Jahren alle anstehenden Shows souverän absolvierte. :-)

Gerade Euch, als besonders aktive Live-Band hat dadurch natürlich Corona hier besonders betroffen und der Einschnitt ist ja auch finanziell brutal. Wir müssen das mal etwas vertiefen. Wie erging es Euch im letzten Jahr.
Die ersten zwei, drei Wochen nach Pandemiebeginn im letzten Jahr haben sich für mich ganz seltsam angefühlt, richtig irreal. Ich bin morgens aufgewacht und dachte regelmäßig, dass das eigentlich alles „nur“ ein schlechter Traum war. Wir hatten von Dezember 2019 bis April 2020 Tourpause und begannen eigentlich gerade mit den Vorbereitungen zur Akustik-Tour, als das bislang nicht für möglich gehaltene eintrat. Ich weiß noch, ich hatte gerade die Grafik für unseren neuen großen Unplugged-Backdrop-Bühnenvorhang fertiggestellt und in Auftrag gegeben, als die Tour abgesagt bzw. verschoben werden musste. Und so habe ich den Druckauftrag sofort wieder storniert... Es ist natürlich schon bitter für eine Band, die vom Live-Spielen lebt. Wir hatten uns dann entschlossen unser Jubiläumsalbum „3 Cheers For 30 Years“ aufzunehmen, Zeit hatten wir dann ja dafür. Dieses Album wurde im Dezember 2020 im Rahmen einer großen Crowdfunding-Aktion zusammen mit unserer Online-Jubiläums-Show veröffentlicht. Dieses Crowdfunding-Projekt war für uns als Band überlebenswichtig, dank der unglaublichen Beteiligung der Fans hat uns das durch den Pandemie Winter gebracht. Wir sind zutiefst dankbar für die enorme positive Resonanz auf diese Aktion. Und es kam eine wirklich feine Platte dabei heraus, die ohne die Crowdfunding-Unterstützung nicht möglich gewesen wäre. Ein ganz dickes DANKE an alle Retter des Speedfolks!

Es war ja immer gut zu hören wieviel Millionen Deutschland mal wieder zur Unterstützung zur Verfügung gestellt hat. Man hat das Gefühl die machen unheimlich viel, gerade auch für Selbstständige. Die Wahrheit sieht ja leider völlig anders aus. Wie?
Die ersten Monate nach Pandemiebeginn sah es wirklich so aus, als ob man uns Kreative, Künstler und alle Beteiligten drumherum „vergessen“ hätte. Bei Künstlern wurde zuerst an die „Hochkultur“ mit z.B. fest angestellten Orchestermusikern gedacht. Wir als Teil der „freien“ Musikszene wurden ja nie irgendwie irgendwo subventioniert oder staatlich unterstützt, alles lief immer aus eigener Kraft und so hatte man uns und unsere vielen Kollegen, Crews etc. auch gar nicht auf dem Schirm. Es gab dann aber ein paar wirklich engagierte Leute, die der Bundesregierung und den Bundesländern gegenüber sehr deutlich gemacht haben, wie desaströs die Situation ist. Sie erarbeiteten Konzepte, die den Kultusministerien vorgelegt wurden. Es hat dann zwar einige Zeit gedauert, aber mittlerweile gibt es ein „Neustarthilfe“- Programm und ein bayerisches Soloselbständigen-Programm, das auch wirklich bei uns Künstlern und dem betroffenen Umfeld ankommt. Die Hilfen sind zwar nicht die Welt, sichern aber hoffentlich doch zumindest den Erhalt der kulturellen Infrastruktur, bis es jetzt dann endlich wieder losgehen kann. Insofern möchte ich nicht auf den Staat und die Politik schimpfen – es hat zwar gedauert und es hat einigen Druck benötigt, es ist dann aber auch schon etwas passiert.

Wenn ich richtig informiert bin, seid ihr wieder im Studio zu Gange. Was könnt ihr uns denn schon dazu verraten?
Ja, wir sammeln gerade neue Ideen und machen eine Vorproduktion für ein neues Studioalbum. Wann das dann erscheinen wird, steht aber noch in den Sternen. Wir nutzen jetzt einfach die Zeit und schreiben neue Songs, ohne Druck.

Ihr seid eine der Bands, die zumindest mit Streaming Konzerten etwas Live Feeling in die Wohnzimmer gebracht habt. Wie sind denn Euere Erfahrungen damit und glaubt ihr, dass solche Angebote, selbst wenn diese blöde Pandemie endlich vorbei ist uns erhalten bleiben. Gerade weil man damit ja gut Fans auf der ganzen Welt erreichen kann und die Euch wenigstens dadurch „live“ erleben können.
Ich bin ehrlich gesagt kein großer Fan von Streaming-Konzerten. Wenn man nur „für die Kamera“ spielt, fehlt ein großer Teil von dem, was ECHTE Konzerte ausmacht: Die Interaktion mit dem Publikum. Zu einem RICHTIGEN Konzert braucht es ein Publikum vor Ort, das Zusammenspiel von Band und Publikum macht ja erst den Großteil des „Zaubers“ einer Live-Veranstaltung aus. Das Publikum bekommt Energie von der Band, die Band bekommt Energie vom Publikum. Es ist ein Gemeinschaftserlebnis. Beim Streaming fehlt das. Trotzdem ist das natürlich in einer Zeit, wo größere Zusammenkünfte nicht möglich sind – und das ja aus gutem Grund – besser als nichts. Aber es geht halt doch nichts über „the real thing“.

Es gibt ja inzwischen auch einen bandeigenen Whiskey. Wie kam es dazu und seid ihr selbst Euere besten Kunden?
Unser Geiger Tobi steht in gutem Kontakt zu einem kleinen aber feinen Whisky-Destillateur in der Pfalz, daher entstand natürlich die naheliegende Idee, einen bandeigenen Whisky zu kreieren. Und da „unser“ Whiskey-Meister Thomas sehr experimentierfreudig ist, hat er gleich sechs verschiedene Sorten geschaffen, eine pro Musiker. Alle sehr verschieden, aber alle auf ihre Art sehr gut. Wir haben natürlich für uns und unsere Crew auch eine Großbestellung aufgegeben. Leider neigen sich die Füllstände der sechs Fässer dem Ende zu. Es können noch ein paar Flaschen abgefüllt werden, aber dann ist (erst mal?) Schluss.

Es gibt ja nicht nur in Deutschland, sondern weltweit so einige Pubs und Kneipen mit dem Namen Fiddler's Green. Schlagt ihr, wenn ihr da in der Nähe seid auch schon mal auf und überrascht die Besitzer und gibt es zu dem Thema auch eine nette Anekdote?
Als Band ist das meist schwierig „spontan“ in einem Fiddler's Green Pub vorbeizuschauen, obwohl wir das schon ein paar wenige mal gemacht haben. Wenn, dann eher als Einzelpersonen und eher inkognito... ;-) Der Innenraum des Fiddler's Green Pubs in Jena wurde für unseren Acoustic Pub Crawl als HDR-Panoramafoto als Unplugged Bühnenvorhang verwendet. Fiddler's Green im Fiddler's Green. Das hat schon was. :-)

Fiddler's Green wurden 1990 gegründet, 30 Jahre sind für ein Bandleben ja schon eine extrem lange Zeit. Und in der Zeit gab es, obwohl ihr ja auch noch einige Musiker seid, sehr wenige Musikerwechsel. Ich finde das extrem bemerkenswert und ihr wirkt auch auf der Bühne wie ein sehr eingeschworener Haufen. Scheinbar habt ihr das Mittel für die perfekte Ehe gefunden. Was ist das denn oder täuscht das?
Dass wir auf der Bühne wie ein eingeschworener Haufen „wirken“, hat einen Grund: Wir SIND ein eingeschworener Haufen! :-) In unserer jetzigen Konstellation seit 2006 ergänzen wir uns perfekt. Das schöne ist, dass man nicht immer der gleichen Meinung sein muss, aber jeder die Meinung des anderen respektiert und es zum Konsens kommen kann, mit dem jeder zufrieden ist oder zumindest gut mit leben kann. Jeder von uns muss und kann auch mal zurückstecken, und das ist gut und alles andere als selbstverständlich.

Oh wir sind leider auch schon bei der 10 Frage angekommen, dabei hätte ich noch so viel was mich interessiert. Aber das will ich unbedingt noch wissen. Als ihr in Selb beim Festival-Mediaval gespielt habt, habt ihr tagsüber noch ein wirklich geniales Video gedreht, Euer Merch ist immer besonders einfallsreich und auffallend schön (incl. der Damen am Stand). Wer ist denn bei Euch die Kreativabteilung oder trägt da jeder was dazu bei. Und wie ist das mit dem Songwriting aufgeteilt.
Ja, in Selb ist im leeren Anhänger unseres Nightliners das Video zu „Bad Boys“ entstanden. Wenn es um kreative Ideen geht, entsteht viel durch gemeinsames Brainstorming, d.h. man hangelt sich von Idee zu Idee, bis man bei etwas ankommt, wo es „Klick“ macht. Der Weg dahin ist oft unterschiedlich lang und schwer und auch nie vorhersehbar. Bei der Merch-Kollektion ist unser Tontechniker Beppo, der auch unseren Shop betreibt, oft die kreative und treibende Kraft. Beim Songwriting bringt sich jeder mit seinen Stärken ein. Wir sind meist alle zusammen daran beteiligt. Manchmal fällt ein Song quasi „vom Himmel“ und manchmal steckt man viel Zeit und Aufwand hinein, nur um dann irgendwann zu erkennen, dass man sich verrannt hat. Das ist das gleichzeitig schöne und schwierige am kreativ sein: Man weiß vorher nie, was zum Schluss dabei herauskommen wird. :-)

Interview: Bernd Sonntag, RCN-Nürnberg und Konzertreport
Bilder vom Festival-Mediaval 2019