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Bandinterview - Corvus Corax

Ein besseres Timing geht kaum. Denn am 16. April kommt das neue Corvus Corax Album offiziell in den Handel. Mein Rat, schnell noch im Corvus Corax Shop bestellen. Dann geht’s schneller. Und deshalb macht es besonderen Sinn sich gerade jetzt in unserer Interviewreihe mit Castus Karsten Liehm, Sänger der „Könige der Spielleute“ zu unterhalten. Der trotz einer wahrlich misslichen Situation, in der sich die Band gerade befindet, uns geduldig und gut gelaunt Rede und Antwort stand.
Wer Corvus Corax unterstützen will sollte deshalb ihr neuestes Werk erwerben. Es lohnt sich, wie man schon in vielen Kommentaren lesen kann. Gelegenheit dazu gibt es sicher auch beim Benefiz am Berg.
In unserem Interview erfahrt ihr mehr zum neuen Album, genauso wie es der Band im letzten Jahr erging und von was Castus Karsten Liehm so träumt. Aber lest selbst.
Los geht`s

Corvus Corax sind ja eine Band die sehr gern und oft live unterwegs waren, gerade auch weltweit. Seit März ist das nun komplett anders. Wie kommt ihr denn mit der Situation zurecht und wie werdet ihr denn von staatlicher Seite unterstützt?
Es ist unheimlich traurig. Wir hatten uns das letzte Jahr so auf die Saison gefreut. Ich kann ja mal andeuten, wo wir überall Anfragen zum Auftreten bekamen und da sieht man dann auch wie dramatisch das für uns war. Im April hätten wir in Norditalien gespielt, die Absage kam 3 Wochen vor dem Konzert, im Mai dann in Russland in Frankreich und in Spanien. Im Juni hätten wir 3 Konzerte in Brasilien gehabt, wir hatten ein Konzert in Texas, eins in Kalifornien. Im August hätten wir dann in Finnland gespielt. Das hätten wir dann sogar gedurft, da gab es aber keine Flüge mehr. Dieses Jahr dürfen wir übrigens auch wieder in Finnland spielen im August, da kommt man aber nur rein, wenn man geimpft ist. Das Ganze ist ein einziges Desaster. Alle Festivals für dieses Jahr werden nach und nach wieder abgesagt, letztes Jahr ging es da ja Schlag auf Schlag.
Wir hatten übrigens im letzten Jahr tatsächlich ein Festival in Tschechien beim Dudelsackfestival in Strakonice, mit relativ harmlosen Hygienekonzept vor 1000 Leuten. Na ja man sieht ja wo das hingeführt hat, wenn man das Coronaproblem lapidar angeht. Somit wird es international dieses Jahr also wohl auch wieder nichts, wir hoffen ja wenigstens auf einige kleinere Konzerte in Deutschland.
Bekommen haben wir im letzten Jahr 5000 Euro, das war quasi als Aprilscherz zum 01.April und das war dann auch alles. 5000 Euro für nun über ein Jahr sind dann schon recht wenig, der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Immerhin habe ich es geschafft, trotz Berufsverbot, bis heute nicht Arbeitslosengeld 2 zu beantragen. Und alles was wir über die Band noch versucht haben zu beantragen wurde abgelehnt

Ihr hattet ja das Glück trotzdem noch im kleinen Rahmen im Rahmen der Lübarser Hofkultur aufzutreten. Ihr seid somit im Prinzip neben einer Band auch zum Konzertveranstalter mutiert. Kannst Du uns dazu, ein wenig mehr erzählen, vielen wird das ja gar nichts sagen.
(Alt-)Lübars ist ein Dorf am Rand von Berlin, gehört aber zu Berlin (Anm. das älteste Dorf Berlins, Bezirk Reinickendorf), direkt an der Grenze zu Brandenburg, im Naturschutzgebiet Tegeler Fließ. Traumhaft! Wenn man hierherkommt, dann nicht nur wegen uns, sondern auch der schönen Landschaft wegen. Wir haben uns überlegt da Konzerte zu machen und sind dadurch zum Veranstalter mutiert, die am besten frequentierten waren trotzdem die mit Corvus Corax. Das hat unheimlich Spaß gemacht und uns letztlich im letzten Jahr den Arsch gerettet und mir den Weg zum Arbeitsamt erspart.
Ich hoffe wirklich, dass der Staat uns in irgendeiner Weise hilft, wenn er uns schon ein Berufsverbot auferlegt. Deshalb möchte ich einfach als Kulturschaffender unterstützt werden. Für uns ist der Sommer eigentlich dafür da, dass wir mit dem dann verdienten Geld in der Lage sind durch den Winter zu kommen und eine CD zu machen. Wir wurden aber nun seit einem Jahr komplett beschnitten. Und letztlich leben wir inzwischen auch vom Überziehungskredit, an dem die Bank ja bestens verdient. Es ist ein einziges Dilemma, aber ich will ja nicht jammern.

Da es scheinbar auch kein normales 2021und schon gar nicht für die Konzertbranche geben wird, habt ihr bestimmt auch für 2021 hier schon einiges geplant.
Wir wollten jetzt zu Ostern wieder beginnen, Das wurde uns verwehrt. Eine Unterstützung gibt’s dann natürlich auch nicht. Man könnte sich den ganzen Tag über diese Politik aufregen, aber das bringt dann ja auch nichts. Ich gehöre nicht zu diesen Querdenkern, die irgendwo auf die Straße gehen und einen Scheiss labern. Wir kommen schon irgendwie durch. „What doesn`t kill me, makes me stronger“. Sobald es aber möglich ist wollen wir beginnen. Wir planen nun einen Tanz in den Mai und hoffen, dass wir das dürfen. Und wenn nicht, dann machen wir was zu Pfingsten und wenn da nicht dann… Irgendwann dürfen wir wieder spielen. Zum Glück gibt es ja auch noch Menschen die uns für einen „Appel und ein Ei“ im Garten spielen lassen, die haben mit Freunden zusammengelegt und kaufen uns ein. Früher spielten wir halt in Wacken oder beim Summer Breeze, da war so was ja gar nicht möglich. Aber das ist oder wird ja in diesem Jahr auch wieder gecancelt.

Umso schöner ist, dass es hoffentlich möglich ist Euch als Montagsheadliner beim Benefiz am Berg in Wunsiedel zu erleben.
Es ist ja zum Glück noch etwas Zeit bis dahin und da können wir alle unsere Hände falten und zu wem auch immer beten, dass es besser wird. Vielleicht kommt ja auch irgendwann eine gute Nachricht, dass man jetzt doch schneller impft zum Beispiel. Wir gehen optimistisch davon aus, dass es stattfindet. Blaecky hat es ja auch verdient, dass es klappt. Ich wünsch es ihm und uns natürlich auch. Die Welt braucht Kultur, das ist keine Frage. Ich habe ja am Anfang noch etwas über die Corona Depression gelächelt. Aber ein Freund von mir hat sich umgebracht, ich hoffe nicht, dass noch weitere folgen. Es ist ein Drama was gerade passiert. Der Staat steht leider nicht hinter seinen Kulturschaffenden.

Ihr seid ja doppelt betroffen. Nicht nur live auch Euer neues Metalprojekt ist ja schon länger fertig, inzwischen habt ihr ja auch schon 3 Songs veröffentlicht.
Wir haben das jetzt verschoben, bisher gab es 3 Singles und für die letzte Single arbeiten wir gerade noch an einem Video. Das tut uns gut, dass wir viel zu tun haben, aber es ist ein Drama, dass nicht veröffentlichen zu können, woran man so hart gearbeitet hat. Aber bei „Era Metallum“ waren wir uns einig. Das neue Projekt funktioniert nur, wenn wir es auch auf der Bühne aufführen und über die Festivals live bekannt machen. Das knallt wirklich ohne Ende.

Ihr habt also Euere Liebe zum Metal entdeckt, Aber auch zur Klassik mit dem genialen Cantus Buranus Projekt, den Auftritt auf der Museumsinsel zur Premiere werde ich wohl nie vergessen. Ihr habt Euch auch an Orgelmusik sehr beeindruckend versucht, das Wadokyo Projekt ist legendär, dann gibt es ein Fantastical mit dem Fluch des Drachen, dass nach einer Fortsetzung schreit um nur einmal ein paar Projekte zu nennen. Von Berlinski Beat mal ganz zu schweigen. Ihr seid ohne Zweifel ein Füllhorn an Kreativität. Was kommt denn da noch so.
Jetzt kommt im Mai erst einmal die Maske des roten Todes. Das ist die Kurzgeschichte von Edgar Allen Po, die ich vorlese. Und dazu gibt es von uns komponierte Spätmittelalter und Renaissancemusik. Normal mag ich meine Stimme ja nicht, aber da hör ich mir die Geschichte gerne an, weil Edgar Allen Po hier eine so großartige Geschichte geschaffen hat, die vom mittelalterlichen Lockdown erzählt. Es geht um die rote Pest an der 1/3 der Leute in Europa gestorben sind die das bekommen haben. Heilungschancen gab es keine. So gesehen geht es uns ja heute vergleichsweise gut. Als in der Burg der rote Tod seine Herrschaft begonnen hat gibt es eine weitere Geschichte, wo die Leute sich vor der Burg geißelten incl. Einem Geißlerlied von 1349, das ich vor sehr vielen Jahren in einer Bibliothek entdeckt habe und abschließend eine Satire inklusive dem passenden Corvus Corax Song „Feiste Swim und roter Win“.
Auf der CD gibt es die Geschichte mit Musik und als zweite Scheibe nochmals die Musik ohne Geschichte, so dass es natürlich auch ein reines Musikalbum geworden ist. Wir haben die Geschichte nicht nur in Deutsch aufgenommen. Demnächst gibt es sie in Spanisch, von unserem Aldo in der Band gesprochen. Meine Nichte ist Japanerin, die macht das auf Japanisch und für eine englische Aufnahme haben wir auch jemand gefunden. Nun hoffen wir, noch jemand für zum Beispiel russisch und französisch zu finden, wir würden das gerne in allen möglichen Sprachen veröffentlichen.
Das Metal-Album ist fast fertig, wir haben das ja erst mal weggelegt, weil wir aufgrund der ganzen Situation verärgert waren und Sammy Yli-Sirniö von Kreator, der ja Finne ist, nicht nach Deutschland darf. Wenn er wieder nach Deutschland kann, werden wir das Kapitel abschließen und dann im nächsten Jahr auch auf Tour gehen.

Ihr habt ja schon einige Musikerwechsel hinter Euch, zuletzt habt ihr 2 Mexikaner adoptiert. Ich geh davon aus, die wohnen inzwischen in Deutschland.
Ja, wir haben Sie auch gefragt ob Sie wegen der Pandemie zurück nach Mexiko wollen. Aber da ist es auch nicht besser. Da ist es mit staatlicher Hilfe noch komplizierter. Die können nicht einfach zum Arbeitsamt gehen und sagen wir können in Deutschland nicht arbeiten, dann sagen die, sie können doch wieder zurückfliegen, gehen Sie zur Botschaft, lassen sie sich ein Ticket geben und ab damit. Ist halt alles ein Drama, wir haben somit nicht nur das Problem mit uns selber, sondern auch noch mit unseren mexikanischen Kollegen, aber das kriegen wir auch noch in den Griff.

Wie kam es denn eigentlich dazu, dass ihr die zwei in Euere Band aufgenommen habt.
Der Wim hat damals gesagt, er spielt zwar gern bei uns kann das in Zukunft aber nicht mehr regelmäßig tun. Und dann hat er sich kurz vor der Mexikotour sein Bein gebrochen. Und da habe ich die beiden angerufen und gefragt, nachdem wir nun ein Dudelsackproblem hatten, ob sie nicht Lust hätten, die Mexikotour mitzuspielen. Wir haben dann in Mexiko geprobt und das hat so gut gepasst, dass wir gedacht haben, Mensch das wären mal noch richtig gute neue Kollegen, die auch frischen Wind bei uns reinbringen. Wir sprechen zwar immer noch kein Spanisch, aber durch die beiden haben wir ein wirklich angenehmes Betriebsklima in der Band

Du bist ja mit einer echt süßen (Tschuldigung) Mexikanerin verheiratet und ihr wart da ja auch schon öfters auf Tour. Wird Mexiko zur zweiten Heimat der Band.
Nachdem da ja auch die Familie lebt natürlich, aber eigentlich ist meine zweite Heimat alles außerhalb von Deutschland. Ich habe ja Zigeunerblut in mir und fühle mich überall wohl. Überall wo es mir gefällt das wird sofort als Heimat adoptiert.

Apropos Mexiko, ihr habt ja schon einige verrückte Reisen unternommen, ich denk da nur an den Abenteuerflug in Richtung Russland. Was war denn bisher der heikelste Tripp.
Das was du gerade angesprochen hast, war mit Tanzwut, da war ich nicht dabei. Das krasseste war vielleicht, als wir 2014 oder 15 in einem Direktflug nach Kanada geflogen sind und haben dort bei einem Festival mit Corvus Corax und Berlinski Beat gespielt. Auf dem Rückflug sind wir dann blöderweise über die USA geflogen. Da braucht man ein digitales Visum, das hatten wir aber nicht. Das konnten wir dann am Flughafen bezahlen und die Hälfte der Band konnte einchecken, dann sagte der Computer aber zur anderen Hälfte nein und die mussten dann dableiben.
Eigentlich wollten wir ja dann auf den Azoren spielen, es war eine irre und sehr teure Umbucherei, denn nach den Azoren hatten wir einen Auftritt beim Chiemsee Open Air. Frag nicht, was wir dadurch an Reisegepäck verloren haben. Ganz besonders traurig, unser Maskottchen Asius, unsere Sammelpuppe ist für immer verschwunden.

Was ich immer besonders bemerkenswert fand, trotz der Wechsel innerhalb der Band gab es nach außen hin nie böses Blut, im Gegenteil. Es ist auch immer wieder denkbar und auch passiert, dass der eine oder andere Ex-Corvus Musiker wieder mal in der Band auftaucht. Oder täuscht der Eindruck
Ador zum Beispiel ist ja immer mal beim Konzert dabei. Der Wim, der ja unsere Dudelsäcke baut, wird bestimmt auch mal wieder mitspielen. Von uns aus gibt es da fast keine Probleme. Wenn man sich wieder zusammenrauft, man hat ja schließlich jahrelang gemeinsam Musik gemacht. Wir sind ja keine Elefanten, die nicht vergessen. Ich bin mir sicher, dass der Pan auch mal wieder ein Konzert mitspielt. Er hat ja in Brasilien mitgespielt. Ich habe da anschließend noch etwas Urlaub gemacht und bin mit Pan durch den Urwald gehirscht.

Eine Frage habe ich zum Abschluss noch, ein weibliches Wesen ist allerdings bis heute nie Teil Euerer Band gewesen, obwohl es grandiose Nummern mit tollen Sängerinnen gibt. Seid ihr ein so Testosteron gesteuerter Haufen, dass das nicht gut gehen kann. Oder gibt es Hoffnung, wo alles nach Gleichberechtigung schreit.
Wir hatten jahrelang eine Frau in der Band. Sie ist leider gestorben. Das war unser Rabe, der war eine Räbin und der ist aus Liebeskummer gestorben, weil der Partner irgendwann nicht mehr kam. Denn im Gegensatz zu den Menschen sind Raben monogam. Wenn der eine stirbt, stirbt der andere auch. Ansonsten machen wir ja Projekte um mit Frauen zu singen. So wie bei Cantus Buranus mit Ingeborg Schöpf. Oder unsere 3 Grazien beim Fluch des Drachen. Oder unsere Arndis Halla aus Island. Es ist ja mein großer Traum eines Tages mit ihr als unsere Diva und isländischem Orchester und Corvus Corax in der Oper in Reykjavik Cantus Buranus zu spielen. Wer weiß, was noch alles so passiert.

Das wünsch ich Dir, ich hoffe, dass Cantus Buranus auch bald wieder auf einer Bühne auftaucht, am liebsten natürlich in Selb mit ganz viel Publikum, wie man es eigentlich gewöhnt ist.
Wir hatten in diesem Jahr 2-Mal in Deutschland auch Cantus Buranus geplant und es gab eine Anfrage aus Rumänien und Australien, aber es ist halt wie es ist.

Lieber Castus Karsten Liehm, vielen Dank für Das Interview und Deine offenen Worte.

Interview und Bilder, die beim Festival-Mediaval Kulturbiergarten entstanden sind: Bernd Sonntag, RCN Nürnberg und Konzertreport